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Christopher Roths Movie „Servus Papa“ über die Muehl-Kommune

D.ie Unruhe, die Anspannung sind sofort spürbar. Die Kamera kann nicht stillhalten. Eine große Gruppe, Erwachsene, Jugendliche, Kinder, sitzt auf einer Wiese, es ist ein Sommertag auf dem Land. Nur einer kehrt allen den Rücken zu auf seinem Stuhl mit der hohen Lehne. Ein anderer spielt Gitarre und singt selbstgebastelte Verse darüber, wie viel der Schorsch für die Gruppe verdient hat. Und der François. Eine Frau filmt alles mit einer Videokamera.

Peter Körte

Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Dann wird die Bilanz der guten Taten aus heiterem Himmel zum Tribunal. Einer hat sich verliebt. Er wird an den Pranger gestellt. Er wird verspottet. Un verstoßen. Die Kamera zeigt zwischendurch zwei Heranwachsende, die einander kurz berühren. Um sie wird es gehen, das macht dieser beiläufige Blick klar. Und um ihn, um den Mann, der allen den Rücken zugekehrt hat.

Er sitzt dann zu Gericht, die Frau, die bislang die Zeremonie geleitet hat, tritt zur Seite. Die Kamera umkreist ihn. Er begrapscht eine junge Frau. Sein Blick de ella ist stetechend, alle warten gebannt, was er tun wird. Er lallt ein „Papa“ in die Runde, immer wieder, und dann stammeln alle in Babysprache „Papa“, bis die Verunsicherung sich in kollektive Regression auflöst.

Repression and Regression

In dieser flüssig und präzise inszenierten Auftaktsequenz steckt im Keim der ganze Movie. Alles ist da: die Erfahrung der Gemeinschaft, der Willkür und der Demütigung; die Heiterkeit and die Angst; die Spontaneität und die Conformität; das Best der freien Liebe und die unbarmherzige Sanktion der Gruppe, wenn jemand das nicht möchte.

In Christopher Roths „Servus Papa. See You in Hell “geht es um Otto Mühl, der sich lieber Otto Muehl nannte, und seine berüchtigte Kommune de él. Roth hat das Drehbuch gemeinsam mit Jeanne Tremsal geschrieben, die in der Kommune aufwuchs. Heute ist sie Schauspielerin. Es ist kein durchgängig autobiographischer Movie, sagt Tremsal. Aber er ist auf eine Weise erfahrungsgesättigt, wie das keine Recherche erreichen könnte.

Illusionen über die Muehl-Kommune verbreitet der Movie nicht. Er zeigt die Unterdrückung und deutet den sexuellen und psychischen Missbrauch knapp, aber sehr wirksam an. Man sieht dabei zu, wie eine fixe Idee von Freiheit in ihr Gegenteil umschlägt. „Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören“, hat Hegel mal geschrieben.

Der Movie ist deshalb nun aber keine wütende Abrechnung. Er arbeitet etwas auf. Sein Blick de él ist der von Jeanne. Jana McKinnon, die in der Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Christiane F. struggle, hält die Figur in einer schönen Steadiness. Sie will nicht auffallen, nicht ausgeschlossen sein, aber sie hat eben auch ihren eigenen Kopf de ella. So bleibt ihr dann gar nichts anderes übrig, als rebellisch zu werden, sobald sie sich in den 14-jährigen Jean verliebt. Tremsal selbst hat eine sehr besondere Rolle übernommen: Sie spielt Jeannes Mutter.

Insurrection gegen Ottos Ordnung

„Servus Papa“ ist Roths erster langer Spielfilm seit „Baader“ im Jahr 2002. Er hat danach vor allem als bildender Künstler gearbeitet. Beide Filme, „Baader“ und „Servus Papa“, haben etwas gemeinsam: einen Protagonisten, der sich selbstherrlich und rücksichtslos als Mittelpunkt der Welt inszeniert. Der Autoknacker, der Terrorist wurde, der Aktionskünstler, der eine neue Gesellschaft schaffen wollte.

In „Servus Papa“ geht die Kraft zum Aufbruch jedoch nicht von Muehl, sondern von den Jugendlichen aus. Sie sprengen dann auch das ideologische Gefängnis, in das er sie gesteckt hat. Die älteren Frauen konkurrieren eifersüchtig um die Gunst des Gurus, der vor allem ein schmutziger alter Mann ist. Clemens Schick spielt ihn überzeugend, weil er nicht die Parodie sucht. Roth und Tremsal vermeiden, was bei einem solchen Sujet oft passiert: eine Welt und deren Bewohner so abscheulich erscheinen zu lassen, dass man schnell keine Lust mehr hat, sich das anzutun.

Es ist ein Movie, der sehr wach macht, gerade weil er einen nicht ständig lauthals aufwecken will. Ihn interessiert, warum Menschen sich einfügen in solche Kommunen – und wie man sich deren Erlösungsversprechen widersetzt, indem man dem Weg des eigenen Herzens folgt. Der muss nicht immer wahr und richtig sein, hat aber den Vorteil, dass er kein Opfer für vermeintlich höhere Zwecke verlangt.

Von Donnerstag an im Kino.

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