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Das Competition „Aus den Fugen“ in Konzerthaus

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt experimentiert noch bis Sonntag mit Aufführungsformaten. Ein Competition, das viel wagt.

Große Besetzung: Hier wird „restricted approximations“ (2010) von Georg Friedrich Haas aufgeführt, eine Komposition mit sechs und einen Sechstelton gegeneinander verstimmten Flügeln.Felix Löchner

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt veranstaltet seit letzter Woche und noch bis zum Ende dieser Woche das Competition „Aus den Fugen“. Das Haus begrüßt einen innen mit gedimmter, bunt akzentuierter Beleuchtung, der Große Saal ist ausgeräumt, die Hierarchie von Podium und Parkett abgeschafft. Alles mögliche kann hier nun stattfinden, kein Stein des klassischen Konzerts bleibt auf dem anderen. Drei Veranstaltungen sollen hier besprochen werden: zwei Konzerte und ein – nun ja – Musiktheater.

Die im Grußwort erwähnte Pandemie, Digitalisierung, Krieg und die verschiedenen Identitätspolitiken haben die virulente Ratlosigkeit, auf welche Frage das klassisch-romantische Repertoire noch eine Antwort sein kann, dramatisch verstärkt. Die Wahl Kirill Petrenkos zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker warfare bereits der vergebliche Versuch, in eine von der Außenwelt abgeschottete Kunstwelt zurückzukriechen, nachdem der Vorgänger Simon Rattle energisch versucht hat, Orchester und Gesellschaft zu vermitteln. Petrenko leistet nun gewiss denkwürdige Beiträge zur Tschaikowsky- und Suk-Pflege – aber was ist das eigentlich genau wert?

Drei exzessiv angelegte Werke

Erlebt man Konzerte wie das am Freitag im Konzerthaus, kann man sich nur schwer ein weiterhin ungetrübtes Vergnügen an der üblichen Menüfolge Orchesterstück – Solokonzert – Symphonie vorstellen. Hier spielte zunächst Sayako Kusaka mit Energie, Sensibilität und technischer Unfehlbarkeit Bachs Chaconne für Violine solo. Nahtlos setze das Konzerthausorchester unter Jonathan Stockhammer mit sechs Pianisten, darunter das Klavierduo GrauSchumacher, mit „restricted approximations“ von Georg Friedrich Haas fort, in einer wunderbar ausgehörten und dramaturgisch schlüssigen Interpretation.

Wiederum in direktem Anschluss folgte Thomas Tallis’ 40-stimmige Motette „Spem in alium“, in dichtem Klangfluss und mit leuchtenden Sopranen gesungen vom Neuen Kammerchor Berlin und dem Kammerchor des Collegium musicum Berlin unter der ruhig-umsichtigen Leitung von Adrian Emans. Ein Kursus aus der tonalen Ordnung ins mikrotonale Chaos und zurück in die Tonalität, zugleich eine Entwicklung von der kleinen über die große und zur enormousn Besetzung.

Dabei sind alle drei Werke wahrhaft exzessiv angelegt: Bachs Chaconne erobert den vier Saiten der Violine eine nie wieder übertroffene Ausdrucksdichte und -vielfalt. Haas hat mit den sechs um einen Sechstelton gegeneinander verstimmten Klavieren Farben entdeckt, die buchstäblich unerhört sind – „restricted approximations“ von 2010 ist eines der bleibenden Stücke des Jahrtausends. Tallis schließlich hat für die Riesenbesetzung „Spem in alium“ einen Kontrapunkt geschrieben, den es eigentlich gar nicht geben kann, und diese Massen auch noch formal überzeugend zu organisieren gewusst.

Eine „Tannhäuser“-Neufassung in TikTok-Format

Fascinating ist schließlich, wie unterschiedlich in allen Stücken das Verhältnis von Farbe und Figur ist: „restricted approximations“ ist so sehr abstraktes Bild, wie die Chaconne eine Zeichnung ist. Bei Tallis schließlich gehen Figuren in Klangflächen auf oder treten aus der Farbe wieder boil: Auch wegen dieser Vermittlungen steht das Stück glücklich am Ende des Programms.

Zu erwarten, dass der experimentelle Rahmen des Festivals stets aufgeht, wäre vermessen. „OK Tannhäuser“, ein Gastspiel des Podiums Esslingen am Montag, warfare ursprünglich eine über TikTok verbreitete Neufassung von Wagners „Tannhäuser“: Ein frisch getrennter schwuler Komponist erzählt von den Erfahrungen mit seinem neuen, polyamourös. Als Stay-Aufführung im Werner-Otto-Saal wird das zur Telenovela mit Rumpeljazz über „Tannhäuser“-Motive. Beides hat nichts miteinander zu tun, und was der Schauspieler Mauricio Hölzemann reside und in den eingeblendeten Movies flankiert von Byung-Chul Han und Bell Hooks über die Liebe heute erzählt, ist an Banalität kaum zu überbieten.

Rieb sich Wagners Tannhäuser-Figur am Gegensatz zwischen mittelalterlicher Minne und sexueller Erfüllung, zwischen Heiliger und Hure auf, so bleibt sein Wiedergänger in Reflexionsschleifen darüber hängen, ob er sich auf Polyamorie-Mode „authentisch“ einlassen bemd kann dischurset dischurset odermm sich am Ende „aporetisch“, führen additionally nur zu der Erkenntnis, dass man nichts weiß.

Folgen für das Berliner Musikleben

Am Dienstag schließlich scheiterte eine sehr gute Programmidee, die Konfrontation von Franz Liszt und Don Carlo Gesualdo, an der Umsetzung. Zunächst standen einer Stunde Klaviermusik keine 20 Minuten Vokalmusik gegenüber, es warfare additionally ein romantischer Klavierabend mit gesungenen Einwürfen aus der Spätrenaissance. Dann warfare Cedric Pescia am Klavier nicht allzu intestine vorbereitet; die Dante-Sonate etwa wirkte aufgrund durchgehenden Mezzofortes und unvorsichtigem Pedaleinsatz einigermaßen vom Blatt gespielt. Und der von Volker Hedtfeld geleitete Kammerchor Opus Vocale sang die drei Karfreitags-Responsorien zwar schön und sauber – aber diese in allen Gelenken bebende Ensemblemusik wirkt chorisch doch zu strong. Dass die nach innen gerichtete Musik Gesualdos klanglich einen größeren Auftritt hatte als die extrovertierte Virtuosenmusik Liszts wirkte am Ungleichgewicht mit. Man ahnt, dass sich beide biografisch treffen: In ihrem glühenden Bußbedürfnis nach dem Mord an der Gattin beziehungsweise einem erotomanen Lebenswandel.

Allen Schwächen zum Trotz hat das Konzerthaus mit „Aus den Fugen“ etwas gewagt, das hoffentlich nicht ohne Folgen für das Berliner Musikleben bleibt.

Aus den Fugen. Noch bis Sonntag, 27. November, Karten und Programm unter konzerthaus.de

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