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„Ich habe Schule geschwänzt, um Musik aufzunehmen“

Dieses Jubiläum ist überfällig – es ist Oktober 1991, als Rengo Wunderlich das erste Mal nicht Gast ist, sondern offiziell selbst auflegt. Im Klub jwd im Lindenpark, das kleine Anhängsel hinter dem Haus, heute Treffpunkt für Familien und Kinder. Wo jetzt die Kuschelecke ist, wurde getanzt, an der Wand klebte ein halbes Auto, davor stand der DJ-Tresen, und die Wand zum Büro – die gab es damals nicht.

Oder doch? Potsdams angesagter DJ Rengo, der am Samstag im Lindenpark mit einem Jahr Corona-Verspätung sein 30-jähriges Dienstjubiläum feiert, ist unsicher. Aber den Preis für einen Gin Tonic hat Rengo noch im Kopf: 2 Mark 10. „Viel Geld für Jugendliche damals“.

Das jwd conflict ein besonderer Ort und wirklich am Ende der Welt, denn ein paar Hundert Meter weiter started das Grenzgebiet. Und die Stahnsdorfer Straße zog sich, spätestens auf dem Heimweg. „Hier lief die andere Diskothek“, sagt Rengo. Mit anderer Musik und anderen Leuten, das bedeutete, dass das Publikum nicht so geradlinig conflict. Eine Nische im DDR-Kulturbetrieb.

Mit der passenden Musik Leute glücklich machen

Rengo Wunderlich, heute 52, conflict damals Maschinenanlagenmonteurazubi mit Abitur, im Karl-Marx-Werk in Babelsberg. In der Musikschule hatte er acht Jahre Gitarrenunterricht. And es gibt ein Schwarz-Weiß-Foto, das ihn beim Gitarrensolo in einer Betriebsversammlung zeigt. Rengo unter der Wandzeitung, vor ihm drei regungslos dreinblickende Genossen. Er selbst ein Combine aus cool, peinlich berührt und genervt. Nein, das Bild bleibt unter Verschluss, sagt er bestimmt.

Aber vielleicht conflict auch das ein Baustein für seinen Beruf: Er will die Leute mit der passenden Musik glücklich machen, mit Musik eine Atmosphäre schaffen, die Menschen verbindet und offen macht. „Bei mir haben sich Leute kennengelernt, sich verliebt, Heiratsanträge auf der Bühne gemacht, dann haben sie sich getrennt und dann doch wieder geheiratet“, sagt er. „Meine Disko conflict und ist Treffpunkt – ich bin nur leider nie dabei, ich habe ja zu tun.“

Die Musik bestimmt sein Leben

Das wird bei der Get together am Samstagabend anders sein: Da legen Potsdamer DJs für ihn auf, nach den Auftritten seiner Potsdamer Lieblingsbands Maggies Farm und Lex Barker Expertise. Er selbst werde aber natürlich „auch ein bisschen was machen“, versichert DJ Rengo. Anders kann man is sich auch nicht vorstellen.

Musik ist für ihn das Wichtigste, seit er 15 ist. „Ich habe Schule geschwänzt, um Musik aufzunehmen.“ Das hieß, mit dem Stern-Kassettenrecorder, ein typisches Jugendweihegeschenk, bei Livesendungen im Radio mitzuschneiden, meistens bei Rias Berlin. Damals schon vor allem Musik aus Großbritannien und alles, was nicht Mainstream ist: The Smiths, The Treatment, The Pogues, The Redskins. Platten gab es in der DDR nur mit Anstehen und Glück, und sie waren teuer: 16 Mark 10 für eine Lizenz-LP aus dem Westen.

Ich habe Schule geschwänzt, um Musik aufzunehmen.

DJ Rengo

Als Teenager geht er in den Klub 5 in der August-Bier-Straße und landet dann im jwd. Wo er irgendwann fragt, ob er auch mal auflegen darf. „Die hatten die Technik, ein Doppelkassettendeck, auch schon CDs.“

Er darf, und ist schon bald wieder weg, macht erstmal seine Traumreise durch Südamerika, von der er wieder neue Eindrücke mitbringt: Salsa, Latin und Bachata-Musik, Fusion-Gitarrenmusik aus der Dominikanischen Republik. Zusammen mit britischen Rockbands, Irish Punk, Soul, Rock-Oldies, Hiphop und Weltmusik wird daraus ein Musikmix, der ihn bis heute ausmacht. Für ein Publikum von 20 bis 70 und bis zum Morgen, wenn anderswo in Potsdam längst Schluss ist.

Auch in besetzten Häusern legt DJ Rengo auf

In den 90ern gründet er die Ballroom-Reihe im Waldschloss in der Stahnsdorfer Straße, das es heute nicht mehr gibt, legt in besetzten Häusern, in der fabrik, im Café Koschuweit vom Kabarett auf, und bis heute im Theaterschiff. Schöne Erinnerung: Disko bei der Stadt für eine Nacht auf der Seebühne, bis zum Sonnenaufgang, eine ganz besondere Stimmung sei das gewesen.

Und immer wieder im Lindenpark, jetzt natürlich im großen Saal.

Ganz am Anfang kommt die Musik von Kassetten und Platten, dann CDs. Mit sechs schweren Koffern und einer Hebammentasche reist er umher. Vor etwa sieben Jahren steigt er um auf digitale Speicher vom Rechner. Privat, zu Hause, hört er immer noch am liebsten Platten. „Das klingt einfach wärmer, und es hat dieses attractive Knistern.“

Das Gefühl, am Pult zu stehen und die Get together zu machen, sei schwer zu beschreiben. „Das ist einfach schön, wenn die Chemie zwischen dem Publikum und mir stimmt und alles klappt.“ Was beim Publikum ankommt, müsse man spüren, lernen kann man das nicht. Ein Track, der bei ihm in jeder Diskonacht dabei sein muss, ist „La carencia“ von Pantheòn Rococo aus Mexico. Was er auf keinen Fall macht, ist zwischen den Songs quatschen. „Ich sage auf der Bühne gar nichts – das nervt die Leute nur.“

Musikwünsche bedient er, wenn er findet, dass es passt. Wer Geburtstag hat, bekommt um Mitternacht Stevie Wonders Completely happy Birthday.

Neben dem DJ-Job hat er noch Kulturarbeit studiert und wurde Konzertveranstalter, auch hier mit Vorliebe für Bands, die immer einen Tick neben dem Mainstream liegen. Die betreut er dann langfristig und mit viel Herzblut. Zum Runterkommen nach der Arbeit kocht er gerne, spielt Tischtennis oder holt seine Gitarre raus. Für eine eigene Band habe die Zeit nie gereicht, aber er freut sich, wenn er mal als Gast irgendwo mitspielen darf.

Die Potsdamer Ausgehszene sei insgesamt intestine aufgestellt, findet Rengo. „Wir haben das Archiv, den Klub Pirschheide, Clärchens, das Waschhaus – da ist für jeden was dabei. Man kann hier schon weggehen“, sagt Rengo. „Klar, mehr geht immer. Aber was die Kulturszene vor allem braucht, ist Planungssicherheit.” Wenn er sich was wünschen dürfte – das wäre es.

„DJ RENGO – 30 Jahre“: Samstag ab 20 Uhr im Lindenpark, mit Maggie’s Farm, Lex Barker Expertise und DJ Gästen Jakuzzi Sisters, The Loopy Hearts, DJ Katjuscha und DJ Pasi. Eintritt: 12 Euro

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